Kommentar: Werk und Autor

Darf man Bücher lesen und Musik hören von Leuten, die politisch nicht korrekt sind?

Ich habe im Bücherregal einen Katzen-Comic von Akif Pirinçci, in einer Schublade liegen CDs von Xavier Naidoo. Und in der Küche steht ein veganes Kochbuch von Attila Hildmann.

Die Drei sind bekannt dafür, dass sie dubiose Verschwörungs-Erzählungen verbreiten, auf Corona-Leugner-Demos auftreten und Reichsbürgern und extremen Rechte nahestehen. Alles Leute, mit denen ich politisch also nichts gemeinsam habe. Kann man die Werke solcher – sagen wir mal – politisch umstrittenen – Leute bedenkenlos konsumieren, oder sollte man sie auf den Müll werfen?

Trennung zwischen Figur, Werk und Autor

Ich meine, man muss das Werk und den Autor trennen.Viele Schriftsteller und Musiker waren nicht unbedingt sympathische Menschen mit merkwürdigen politischen Ansichten. Trotzdem mache ich mir ihre negativen Ansichten und Eigenschaften nicht zu eigen, wenn ich ein Werk von ihnen höre oder lese. Natürlich kritisch, indem ich zum Beispiel auf rassistische Untertöne achte. 

Ein Gegenargument könnte sein, dass man den Verfasser nicht finanziell unterstützen will, indem man seine Werke kauft. Das ist ein ziemlich gutes Argument. Doch wenn das Buch oder die CD schon seit Jahren im Regal steht, spricht für mich kein Argument dafür, es zu entsorgen.

Wörter tilgen, die viele Menschen beleidigen

Ich muss ebenso zwischen Werk und Autor trennen, so wie ich bei Nicht-Sachbüchern zwischen Autor und dessen Romanfigur unterscheiden muss. Das eine Hauptfigur eine nicht-weiße Hautfarbe hat, macht ein Werk noch lange nicht rassistisch (siehe “Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer”, oder “Onkel Toms Hütte”). 

Ich bin der Meinung, dass Wörter, die viele Menschen beleidigen (N-Wort, Mohren, Zigeuner, etc.) aus Büchern entfernt werden sollten. Denn die Zeiten haben sich geändert und die Autoren hatten damals sicherlich nicht die Absicht, Menschen rassistisch zu beleidigen. So wird aus Pippi Langstrumpfs Papa Ephraim eben ein “Südseekönig” und niemanden stört es. Ebenso, wie sich die Rechtschreibung ändert, ändert sich der Sprachgebrauch. Warum sollte man ihn nicht ab und zu anpassen?

Was ist mit Marquis de Sade?

Würde ich übrigens nur noch Autoren lesen, die mit meinem Weltbild übereinstimmen, wäre meine Bücherregale ziemlich leer. Hatte Sartre nicht Andreas Baader von der RAF im Gefängnis besucht? Was ist mit Martin Walser und seinen missverständlichen Reden? Und was gar mit dem Marquis de Sade, der übrigens meiner Ansicht nach ein sehr schlechter Schriftsteller war?

Sie sehen, wohin dieses Denken führt: zu so einer Art “geistigen Bücherverbrennung”. Und das hat mit kritischem Denken nichts zu tun. Ich kann sogar “Mein Kampf” von Adolf Hitler kritisch lesen, zum Beispiel, weil ich versuche herauszufinden, welches Selbstbild da jemand von sich zeichnet, der es in Kauf nimmt, das ein paar Jahre später Millionen von Menschen getötet werden, aufgrund seiner fixen Ideen. Ich muss sie mir aber noch lange nicht zu eigen machen. Denn auch hier gilt: Nur weil ich es lese, muss ich es nicht mögen…

Helge Denker